Interessant! Egal ob es sich um eine zufällige Unterhaltung bei einem Tag der offenen Tür handelt oder ein angeregtes Gespräch bei einem abendlichen Treffen im Bekanntenkreis. So bald die Thematik Sexualität gestreift wird (was bei meinem Beruf ja recht rasch passieren kann), folgt innerhalb relativ kurzer Zeit, die Frage: Wie viel Sex ist in einer Partnerschaft normal? Wie viel Sex ist richtig? Was ist die Norm?

 

Wichtig, richtig und normal?

Die Frage kommt ganz unweigerlich. Mensch möchte ausloten. Grenzen abstecken. Sich vergewissern, dass die eigenen Wünsche und Vorstellungen OK sind. Ob man sich selbst der Kategorie über- oder unterdurchschnittlich zurechnen kann. Ob man seine Forderungen dem/der Anderen gegenüber vertreten kann. Mensch möchte sich Bestätigung und Sicherheit holen. Ja, völlig normal.

 

Die Überraschung dabei?

Trotzdem die Frage so absolut normal ist, bleibt sie doch überraschend. Weshalb? Weil (auch wenn wir auf Gemeinschaft und den Schutz der Gruppe programmiert sind) Menschen sich in unendlich vielen Dingen doch eigentlich um Alleinstellung bemühen. Wir machen Fortbildungen, um uns von Kollegen/Innen abzuheben. Wir suchen für den nächsten Ball ein traumhaft schönes Kleid und hoffen sehnlichst, dass wir bloß keiner zweiten Frau im gleichen Kleid begegnen. Wir trainieren für einen Marathon, und auch wenn es nicht unser Ziel ist, als Sieger hervor zu gehen, so haben wir doch eine eigene, individuelle Bestzeit, die wir für uns erreichen möchten. Wir haben uns also ein eigenes Ziel gesteckt!

 

Unser Körper, unsere Intimität!

Genau betrachtet steckt da also wirklich eine Überraschung drin. Denn, genau hier – bei  unserer Sexualität – genau in dem Lebensbereich, der individueller nicht sein könnte, wollen wir uns vergleichen, anpassen, der Norm entsprechen.

 

Warum ist das so?

Gründe gibt es unter Garantie vielschichtige. Doch nehmen wir uns einen, sehr prägnanten heraus: Die massiv hohe Erwartungshaltung, die uns im Kopf sitzt! Wir lesen laufend von: „den ausgefallensten Sex-Orten“, „so bringen sie sie garantiert zum Orgasmus“ oder „wenn sie das im Bett tun, wird er sie nie verlassen“. Wer sich laufend mit schneller, weiter, höher vergleicht, läuft Gefahr, dass die häusliche Sexualität auf einmal zur Banalität mutieren. Und wir beginnen uns zu fragen, ob das denn alles nicht noch viel besser, viel weiter und viel spezieller ginge oder gehen müsste. Prinzipiell ist gegen die Fragestellung ja überhaupt nichts einzuwenden! ABER: Der Beweggrund, warum wir sie uns stellen, ist entscheidend.

Wie erleichternd wäre es hingegen, wenn wir Klartext reden und hören würden. Wenn wir von „echten Paaren“ hören, dass sie 1x im Jahr Sex haben und glücklich damit sind. Das andere erzählen, 1x in der Woche ist gerade ausreichend, aber befriedigend ist es trotzdem nicht. Das jemand ganz anderer erzählt, dass berauschende, abwechslungsreiche Liebesabenteuer an der Tagesordnung stehen, ihr/ihm dabei aber schlussendlich immer etwas fehlt.

Wenn aus der übersteigerten Erwartungshaltung endlich mal „die Luft raus wäre“, dann müssten wir nicht mehr einem von außen produzierten Non plus Ultra nachhecheln, sondern könnten uns auf einmal wieder auf die Suche nach uns selbst machen! (da ist mir gleich zum erleichtert Ausatmen zu Mute)

 

Aber was stimmt denn nun?

Sexualität ist in jedem Fall ein bindender Faktor – so viel steht fest. Geschüttelt oder gerührt, es wird dabei ein berauschender Hormon-Cocktail ausgeschüttet: das Bindungshormon Oxytocin, gemischt mit dem Exklusivitätshormon Vasopressin, verfeinert mit dem Belohnungshormon Dopamin und noch einigen mehr – fördert der Hormon-Cocktail Bindung und Zusammengehörigkeit.

Auf der emotionalen Ebene hat Sexualität viel mehr „zu sagen“, als einen rein körperlichen Akt. Sie lässt uns erspüren: Ich liebe dich, ich begehre dich, ich gebe mich dir hin, wir gehören zusammen, wir sprechen – vielleicht nicht immer – aber im Bett die gleiche Sprache, ich spüre deine Nähe, ich fühle mich bei dir zuhause, wir harmonieren und ganz vieles mehr.

Wer das alles in seiner Paarbeziehung leben kann, fühlt sich bereichert, gestärkt und verbunden. Und doch: Trotzdem Sexualität wichtig ist, ist sie nicht das wichtigste in einer Beziehung. Es gibt genauso Paare, die völlig auf Sex verzichten und trotzdem eine gelungene, glückliche Partnerschaft leben. Das funktioniert deshalb, weil anderen Werten ein noch höherer Stellenwert eingeräumt wird: Zusammengehörigkeit, Wertschätzung, gegenseitiges Wohlwollen und den unausgesprochenen oder auch gemeinsam definierten Zustand der Abstinenz.

 

Das Resümee?

Einen Richtwert gibt es einfach nicht! Egal, ob das Paar 1x täglich, 1x pro Woche, 1x im Monat oder 1x im Jahr Sex hat. Wenn diese beiden Menschen übereinstimmen, dass das – so wie es ist – gut, angenehm und förderlich für ihre Beziehung ist, dann ist das genau der Sex, den sie für ihre gut funktionierende Partnerschaft brauchen!

Und sollte es doch für einen von beiden zu viel oder zu wenig oder einfach nicht richtig sein. Ein Leidensdruck, beim Gedanken entstehen: „Das kann doch so nicht für immer weitergehen“.  All jenen möchte ich Mut zusprechen: „Packt es an, geht auf die Suche nach euren ganz eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Idealen. Und erschafft euch die Sexualität, die euch gut tut! Denn: Sexualität ist Veränderbar!

 

 

Wie viel Sex ist in einer Partnerschaft normal?

Petra Steiner

Ist Expertin für beflügelte Sexualität. Sie vermittelt in ihren Beratungen den Zugang zu freier, lockerer und luftig gelebter Sexualität. Mit der von ihr entwickelten Methode: 6+1 „In 7 Schritten zu beflügelter, geglückter, verschwitzter Sexualität“, begleitet sie Frauen und Paare auf ihrem Weg in ein erfülltes, glückliches Sexualleben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.