Für den inspirierenden Blog „Hotel Mama“, von Menerva Hammad, bin ich zum Thema „Vaginaler Orgasmus“ interviewt worden. Gibt es den vaginalen Orgasmus oder ist er ein Mythos? Kann man ihn erreichen, wenn bisher die klitorale Stimulation entscheidend war? Und wenn ja: Wie soll das funktionieren? Dabei komme ich auch über unsere weiblichen Geschlechtsteile in´s schwärmen – sie sind nämlich einfach ein Wunderwerk und das gehört VIEL ÖFTER GESAGT!

Ursprünglich erschienen auf: Hotel Mama

 

Hotel Mama: Für viele Frauen ist der vaginale Orgasmus nichts weiter, als ein Mythos. Diese „inneren Feuerwerke“ kennen sie nur vom Hören/Sagen. Und wieder andere, erleben sie tatsächlich, diese innere Explosion der Gefühle. Um mehr Klarheit rund um dieses Thema ans Licht zu bringen, habe ich mich mit der Sexualberaterin Petra Steiner unterhalten:

 

Hotel Mama: Gibt es den vaginalen Orgasmus oder ist er ein Mythos?

Was in jedem Fall unterschieden werden kann ist: Wie ein Orgasmus erreicht wird. Ob durch klitorale Stimulation. Ob durch vaginale Stimulation. Oder auch, ob nur sein „Kopf-Kino“ und das anspannen-entspannen des Beckenbodens reicht (ganz ohne manuellem Zutun). Die Wege dorthin sind vielfältig, von Frau zu Frau ganz individuell und haben mit dem erlernten Erregungsmuster zu tun.

Das absolut Schöne am Orgasmus ist, dass er kein „MUSS“, sondern ein „KANN“ ist. Kein Weg, um ihn zu erreichen, ist besser oder schlechter. Nichts davon „MUSS“ sein, um dafür eine „ganze Frau“ zu sein. Er „KANN“ nämlich auch einfach nicht sein. Dies zu betonen ist mir ein Herzensanliegen! Denn viele Frauen stehen unter „Performance-Druck“ und Druck ist in diesem Fall ein ganz schlechter Ratgeber.

Für mich liegt der Mythos des vaginalen Orgasmus in der Trennung von klitoral und vaginal. Wir denken hier oft noch in Grenzen – wo es keine Grenzen gibt.

Die Klitoris, unser Lustorgan, von der wir die Klitoris-Eichel (Kitzler) sehen und berühren können, ist nur die Spitze des Eisbergs. Das ganze Organ ist ca. 8-10 cm groß und beinhaltet zusätzlich Schenkel und Schwellkörper (ähnlich dem männlichen Penis). Die Klitoris-Schwellkörper liegen genau hinter den äußeren Scheidenlippen und umschließen die Harnröhre, die weibliche Prostata (G-Zone) und gehen seitlich an den Scheidenwänden entlang. Viele erogene Zonen, die ganz eng beieinander liegen und im Lust-Gewinn ein sich gegenseitig unterstützendes System bilden. Stimuliere ich eine Stelle, stimuliere ich immer auch die anderen erogenen Zonen mit. 

Ein Gedanke, um das etwas angreifbarer zu machen: Berühre ich mit den Fingern meine G-Zone (vaginal), stimuliere ich automatisch die Klitoris mit (klitoral). Oder: Dringt der Penis in die Scheide ein, reibt er seitlich an den, hinter den Scheidenwänden liegenden, Klitoris-Schwellkörpern.

Etwas zum gleich Ausprobieren: Wenn du deine äußeren Scheidenlippen massierst und reibst, stimulierst du ganz automatisch auch die dahinter liegenden Klitoris-Schwellkörper. Damit ist es möglich (völlig ohne direkte Kitzler- oder Vaginal-Stimulation) zum Orgasmus zu kommen. Ein Versuch zahlt sich aus! ♥

 

Hotel Mama: Was muss Frau also machen, um ihn zu erreichen? Gibt es eine Do & Dont´s Liste?

Zu aller erst stellt sich die Frage, wie ich gelernt habe mich selbst zu stimulieren. Wie mein Erregungsmuster abläuft. Als Jugendliche, wenn wir beginnen uns zu erforschen, suchen wir oft nach dem ersten Punkt, der uns am direktesten Weg zum Orgasmus führt. Für viele Frauen ist das die Klitoris (Kitzler, Perle). Hier sind wir auch goldrichtig, denn die Klitoris ist das Lustorgan der Frau. In der Klitoris-Eichel, wie die für uns spürbare Spitze heißt, enden 8.000 Nervenbahnen, die geklopft, gestreichelt, massiert werden und uns wundervolle Gefühle verschaffen können.

Bleiben wir in unserer sexuellen Entwicklung weiterhin ausschließlich auf die Klitoris-Stimulation konzentriert, um zum Orgasmus zu kommen, dann brauchen wir – in den meisten Fällen – auch immer diesen Kontaktpunkt. Egal, ob ich alleine mit mir Sex habe oder mit meinem Partner/meiner Partnerin.

Für alle, die nun einen Orgasmus anstreben, der ausschließlich durch vaginale Stimulation hervorgerufen wird, gibt es die positive Botschaft: Ja, es ist möglich! Mit etwas Konsequenz!

Haben wir unseren Orgasmus nämlich bisher immer über die Stimulation des Kitzlers erreicht, ist es höchst wahrscheinlich, dass unsere Nervenbahnen in der Vagina nicht auf Erregung ausgerichtet sind. Sie möchten erst „geweckt“ werden, um zur erogenen Zone zu werden. Ann-Marlene Henning (deutsche Sexologin und Therapeutin, die ich kürzlich bei der Tagung zur Sexuellen Gesundheit des Frauenministeriums kennlernen durfte) hat es dort schön in Wort gefasst: „Alle Körperstellen, denen du viel Zuwendung schenkst, mit denen du in Kontakt bist, die liebst du auch mehr. Und je mehr du mit den Körperstellen interagierst, sie stimuliert, desto mehr lädst du sie dazu ein, auch zu erogenen Zonen zu werden, die einem gerne Lust spenden.“

Wer in der Vagina bisher also noch wenig bis gar nichts spürt, kann sie auf Stimulation trainieren, um Gefühle überhaupt erst einmal wahrzunehmen und dann zu steigern.

 

Hotel Mama: Der erste Schritt?

Der erste Schritt, um seine Erregungsmuster zu erweitern, ist es, sich selbst zu erforschen. Denn damit kann Frau ihre erogenen Zonen nicht nur wecken, sondern später auch genaue „Schatzkarten-Anweisungen“ geben, an welcher Stelle, sich welche Art von Berührung gut anfühlt.

Der Vaginaleingang (ca. die ersten 2-3 cm der Scheide) ist auf Penetration und Reibung von Fingern, Zunge, Penis, sensibel. Ganz im Gegensatz zu den innenliegenden Scheidenwänden. Sie sind nämlich auf Druck ausgerichtet. Hier liegt mitunter der Grund, weshalb bei Frauen der besagte Karnickelsex (rein/raus) zu einem Erregungsverlust/Lustabbruch führen kann. Die Empfindung ist für sie zu wenig. Die Scheidenwände also auf Druck zu sensibilisieren, ist ein entscheidender Faktor, um den vaginal stimulierten Orgasmus zu erreichen.

  • Beginnt euch mit den Fingern zu erkunden
  • Massiert, streichelt, drückt, reibt, an den Scheidenwänden und findet dabei heraus, welche Bewegungen/Berührungen, sich an welchen Stellen gut anfühlen.
  • Probiert aus, wie sich der Beckenboden mit einbringen kann. Die Lustzirkulation lässt sich mit abwechselndem Beckenboden-Anspannen und –Entspannen fördern.
  • Gleichzeitige, kreisende Bewegungen mit dem Becken, machen locker und lassen die Wellen der Erregung satter durch den Körper fließen.
  • Tiefes, fließendes Ein- und Ausatmen, trägt immens zum Spüren bei.

 

Hotel Mama: Welche Rolle spielt der Partner, wenn Frau einen vaginalen Orgasmus erleben will?

Wenn sich die Handarbeit für euch so richtig gut anfühlt, dann könnt ihr euren Partner/eure Partnerin in die neuen Geheimnisse eures Körpers einweihen. Auch hier empfiehlt es sich, zuerst mit den Fingern vorzuarbeiten – auch euer Gegenüber muss sich erst mit den neuen Lustpunkten vertraut machen. In weiterer Folge probiert z. B. aus, wie es sich anfühlt, wenn das Schambein des Partners/der Partnerin an den Scheidenlippen kreist. Mit wenig Druck, mit etwas mehr Druck. Der Penis des Partners kann eingeführt sein, aber die Bewegung ist nicht stoßartig (rein-raus), sondern aufliegend und massierend. Dabei können mit dem Penis langsame, kreisende Bewegungen in der Vagina gemacht werden. Spürt nach, wie eure Scheidenwände auf diese neue Art der Druck-Stimulation reagieren. Ausprobieren, nachwirken lassen und wieder ausprobieren – wieso das so wichtig ist, dazu kommen wir gleich.

 

Hotel Mama: Ist es sehr weit hergeholt, wenn man behauptet, dass sich alles im Kopf abspielt? Und falls dort tatsächlich alle nötigen Knöpfe sind, warum fällt es uns schwer abzuschalten bzw. was kann man dagegen tun?

Das liegt sogar sehr nahe! Unser Gehirn ist nicht nur unsere Schaltzentrale, sie ist auch unser größtes Lustorgan! Alle Reize, Wünsche, Fantasien, Vorlieben, Ängste, etc. sitzen hier und wirken auf uns. Sie beflügeln uns, aber sie können uns auch bremsen. Deshalb ist es mit dem erlernen von neuen sexuellen Erregungszonen, auch nicht mit ein oder zwei Mal ausprobieren getan. Denn da stehen wir noch auf dem Punkt, dass das ungewohnt, etwas holprig ist und wir vielleicht gar nichts spüren… Genau hier schlägt uns unser Gehirn ein Schnippchen, denn das will gerne im gewohnten Fahrwasser fahren. Wo es sich sicher fühlt. Alles soll bitte beim Alt bekannten bleiben.

Unser Gehirn muss erst erfahren und lernen, dass neue Herangehensweisen und Erregungsmustern gut und interessant sind. Was braucht es, um Neues zu integrieren: „Es braucht viele Wiederholungen, bis das Gehirn lernt. Genau gesagt: Es braucht etwa 2.000-10.000 Berührungen an einem Punkt im Geschlecht, die über die Nerven ins Gehirn weitergeleitet wird, damit sich eine Synapse an der entsprechenden Stelle im Gehirn bildet. Nein, das heißt nicht 2.000-10.000 mal üben. Denn bei jedem Üben berührst du einen Punkt ja weit mehr als ein Mal. Aber selbst wenn du eine Stelle beim Üben 400 mal berührst, braucht es mindestens 50 Wiederholungen!!! Darum: Sei geduldig und gib nicht auf.“ (Quelle: https://www.lilli.ch)

Ein anderer Punkt den du sicherlich anspricht, ist das Loslassen, sich fallen lassen. Dies hat (unter anderem) viel mit der innerer Freigabe zu tun: „Darf ich das?“, „Kann ich das verlangen?“, etc. Dazu ein Inspirations-Gedanke: Je besser ihr euch kennt und wisst, was ihr wollt, desto mehr rückt es in euer Selbstverständnis, eure Wünsche auch erfüllt zu bekommen. Das haben wollen und haben dürfen, steigt an! Und es ist eine unglaubliche Bereicherung im partnerschaftlichen Sex, wenn man seine Schatzkarten-Anweisungen geben kann. Dann muss der/die Andere nicht ziellos suchen, sondern kann sich auf dich und deine echten Bedürfnisse konzentrieren. Das bringt Lust- und Spaß-Faktor!

 

Hotel Mama: Mal angenommen eine Frau ist ruhig, lässig, lustvoll, probiert viel aus, erlebt aber dennoch keinen Orgasmus… ist die dann ein hoffnungsloser Fall? Was ist dein Rat für Frauen, die sich selbst als hilflosen Fall bezeichnen, wenn es um den vaginalen Orgasmus geht?

Wenn wir erst das Bild sickern lassen, wie sich die erogenen Zonen des weiblichen Geschlechts verweben und ergänzen – ergeben sich so viele Möglichkeiten und alle dürfen sein und keine muss sein. Es ist wichtig, dass Frau sich die Zeit für sich nimmt. Sich auf sich einlässt. Performance-Druck hinaus – Genuss hinein!

Ich finde Erforschen ein schönes Wort! Wie Indianer Jones, auf der Suche nach den verborgenen Schätzen. Ich bin der Meinung: Wer sich seine Neugier bewahrt, in seine Abenteuer aufbricht und alt gelerntes hinter sich lassen kann, der ist am besten Weg sich eine ganz neue lustvolle Welt zu eröffnen – ob mit oder ohne vaginal erreichtem Orgasmus.

 

Vaginaler Orgasmus

Petra Steiner

Ist Expertin für beflügelte Sexualität. Sie vermittelt in ihren Beratungen den Zugang zu freier, lockerer und luftig gelebter Sexualität. Mit der von ihr entwickelten Methode: 6+1 „In 7 Schritten zu beflügelter, geglückter, verschwitzter Sexualität“, begleitet sie Frauen und Paare auf ihrem Weg in ein erfülltes, glückliches Sexualleben.

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