Wieso, sollte man die Sexualität aufrecht erhalten, wenn sie SO keinen Spaß mehr macht?! Berechtigte Frage! Anstatt jedoch über die Gründe zu sprechen, wieso wir „SO nicht wollen“, geben wir oft Argumente vor, weshalb wir „nicht können“. Mit sich und dem Partner/der Partnerin in diesem Punkt ehrlich zu sein kostet Überwindung. Aber diese Klarheit kann die Veränderung zu wieder geglückter Sexualität bringen.

 

Die Gründe, warum wir keinen Sex mit unserem Partner/unserer Partnerin haben möchten, sind vielfältig. Man hört dann: „Sei mir nicht böse, aber ich kann heute nicht, weil…“

  • Ich zu müde bin.
  • Mein Kopf dröhnt.
  • Ich mich immer noch so über die Diskussion mit meinem Chef ärgere, ich hab heute wirklich keine Lust.
  • Ich mit meinen Gedanken echt ganz wo anders bin.
  • Mich das jetzt stresst, ich werde dir schon sagen, wenn ich wieder bereit bin.
  • Und 1.000 Gründe mehr.

Jedes dieser Argumente hat seine absolute Berechtigung. Es ist einfach so: Frau wie Mann haben eben nicht jeden Tag Lust, Zeit und Muse, um sich sexuell aufeinander einzulassen. Mal möchte der/die Eine, dann möchte der/die Andere und dann gibt’s Tage, da wollen beide.

Wenn diese Argumente jedoch regelmäßig, über einen längeren Zeitraum vorkommen und man so gut wie gar nicht mehr „kann“, dann stellt sich die Frage: Ist „das können“ tatsächlich der Grund? Oder steht etwas ganz anderes dahinter?!

 

Wieso Sex aufrecht erhalten, wenn er einfach nicht passt?  

Was würde passieren, wenn wir uns selbst im Spiegel ganz tief in die Augen schauen und uns die Frage stellen: Ist es wirklich ein „nicht können“ oder ist es doch ein „SO nicht wollen“? Was, wenn sich bei dieser schmerzlich ehrlichen Frage auf einmal herausstellt: „Ich will gar keinen Sex mehr mit dir, weil…“:

  • Mich unser Liebesspiel mittlerweile so frustriert, dass ich lieber darauf verzichte.
  • Du nicht auf mich eingehst.
  • Du mir zu grob bist.
  • Ich mich und meine Bedürfnisse von dir nicht gesehen fühle.
  • Mich unsere immer gleichen Stellungen anöden.
  • Ich mich vor deiner sexuellen Annäherung ekle. Mein ganzer Körper sofort in Abwehrposition geht.
  • Mir vor dem was du sagst…, wie du schaust…, wie du riechst… graust.

JA, das ist harter Tobak! Aber leider auch JA, das kann zur Realität werden. Man hat einen geliebten Menschen an seiner Seite, mit dem man ein spitzen Team bildet, gleiche Interessen hat, sich gegenseitig unterstützt… bei dem sich aber, kaum steuert man auf die sexueller Ebene zu, alles in einem sperrt!

Völlig nachvollziehbar, dass man Sex einstellt, wenn er so nicht mehr passt. In anderen Lebensbereichen wahren wir unsere Grenzen auch – und das ist gut so. Wir gehen so weit, wie es uns gut tut – und das ist richtig so. Wir schützen uns, wenn wir merken, dass uns dies oder jenes zu viel wird – und genau so soll es auch sein.

Und doch stehen wir hier an der Seite des Menschen, mit dem wir unser Leben verbringen möchten. Mit dem es uns so gut geht. Mit dem wir durch Dick und Dünn gehen wollen. Aber für immer auf geglückte Sexualität, auf Zärtlichkeit, auf Intimität verzichten? Soll das nun unser Leben sein?

 

Vom „nicht können“…

Das Angenehme am „nicht können“ ist, dass es uns und auch den Anderen/die Andere aus der Verantwortung nimmt. Es stellt keine Schuldfrage, wir treten dem/der Anderen nicht zu nahe und können damit niemanden verletzen. Die Gründe, warum ich gerade „nicht kann“, können akzeptiert und als gegeben hingenommen werden. Sie sind im Außen orientiert. Niemand hat „Schuld“ daran, dass keine Sexualität stattfindet und damit kann man sich locker, leicht abfinden. Niemand muss sich dabei selbst hinterfragen, ob man vielleicht etwas falsch gemacht hat oder die sexuellen Qualitäten nicht geschätzt werden. Mann wie Frau kann das so annehmen und den Sex ohne weiteres – für den Moment – abhacken.

Doch die Argumente, wieso ich gerade „nicht kann“, habe einen stark wirkenden Faktor: Sie bringen Stillstand! Es passiert keine Veränderung. Wir nehmen uns – mit der Schonhaltung – die Möglichkeit darauf uns wieder anzunähern. Und damit Neues und Genuss bringendes in unsere Sexualität zu integrieren.

 

…zum „so nicht wollen“

Der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch hat eine wichtige Unterscheidung im sexuellen Zugang eingebracht: Die selbstbestimmte und die partnerbestimmte Sexualität.

  • Partnerbestimmte Sexualität: Ich zeige meine Sexualität so, dass ich eine bestätigende Reaktion meines Partners erwarten kann.
  • Selbstbestimmte Sexualität: Ich zeige meine Sexualität so, wie es mir sexuell entspricht. Dabei nehme ich eine nicht bestätigende (ängstliche, verärgerte) Reaktion meines Partners in Kauf.

Um das etwas greifbarer zu machen, ein paar Auszüge aus dem Buch „Guter Sex trotz Liebe“, von Ulrich Clement (deutscher Sexualtherapeut):

Mit partnerbestimmter Sexualität versuch ich, es meinem Partner recht zu machen. Du willst gestreichelt werden? Also streichle ich dich. Du willst verwöhnt werden? Also verwöhne ich dich. Nicht schlecht! Aber wenn ich der partnerbestimmten Sexualität alles opfere, wenn ich mich selbst vergesse, wenn ich meinen Partner wichtiger nehme als mich selbst, dann fängt die Sache an, kritisch zu werden. Denn dann bin ich kein Partner mehr, sondern Erfüllungsgehilfe. Und das tut beiden nicht gut. Beiden nicht!

Selbstbestimmte Sexualität ist riskant. Wenn ich zunächst über mich spreche und nicht die Rücksicht auf den Partner als inneren Zensor einsetze, nehme ich ein gewisses Risiko in Kauf. Mein Partner kann es mit der Angst zu tun bekommen, kann meine Sexualität peinlich oder lächerlich finden, kann sie abwerten. Er oder sie kann den Eindruck bekommen: „Mir ist das fremd, das hat mit mir nichts zu tun“ und Trennungsgedanken entwickeln. „Das ist überhaupt nicht lustig für mich.“ Aber es ist Voraussetzung für – guten Sex trotz Liebe. Er kann sich entwickeln, wenn ich es darauf ankommen lasse.

Partnerbestimmt ist nicht gleichbedeutend mit rücksichts-voll. Und selbstbestimmt heißt nicht egoistisch oder rücksichts-los. Für mich sprechen heißt nicht, den anderen zu attackieren. Der Partner kommt aber jeweils anders ins Spiel. Bei der partnerbestimmten Sexualität frage ich zuerst, was der Partner will und richte mich danach. Bei der selbstbestimmten frage ich erst, was ich selbst will.

 

Der erste Schritt in die Selbstbestimmtheit

Wer nun zu dem Schluss kommt: „Ja, leider, bei mir ist es tatsächlich ein SO nicht wollen“, steht vor einer Entscheidung: Will ich so weitermachen wie bisher? Oder will ich es ändern? Will ich es selbstbestimmt angehen und damit die sexuelle Starre aufbrechen?

Zur Veränderung gehört, dass man „das Mäntelchen des Schweigens“ abstreift. Denn dieses Mäntelchen (schützt uns zwar vermeintlich, aber) tut uns nichts Gutes. Denn es hindert uns daran, wirklich guten Sex zu haben. Solange wir uns selbst nicht eingestehen, solange der Partner/die Partnerin nicht darüber bescheid weiß, das in unserer Sexualität etwas quer liegt. Genau solange kann auch so gut wie keine Veränderung eintreten.

Ein paar Anregungen dazu, wie man sich auf das Gespräch mit seinem Partner/seiner Partnerin vorbereiten kann, findet ihr in einem früheren Artikel: Unser Sex soll sich verändern! Aber wie sage ich dir das nun?

 

Die große Angst

Alle, die diesen Schritt schon gegangen sind, werden es bestätigen: Es kostet Mut! Ihr seid vielleicht seit Monaten, Jahren oder Jahrzehnten glücklich als Paar vereint– UND JETZT sollt ihr damit herausrücken, dass schon seit einer halben Ewigkeit sexuell etwas nicht mehr stimmt! Dass ihr oft nur Sex hattet, um die Stimmung hoch zu halten… um dem Anderen/der Anderen einen Liebesdienst zu erweisen… aber nicht deshalb, weil ihr es wirklich von Herzen wolltet, es genossen habt und es so richtig geil fandet.

Diese Realität ist schwer zu kommunizieren! Es kostet Überwindung! Und dabei kann ein ordentliches Beben durch die Beziehung gehen.

 

Aber: Damit kann sich auch der Nebel lichten. Die Sicht wird (endlich) frei. Der erste Schauer dieser Erkenntnis zieht durch den Körper durch. Und dann kann man gemeinsam auf die Suche nach Veränderung gehen. Klarheit macht den Raum auf, um seine Sexualität neu zu entdecken.

Packt es selbstbestimmt an! Für euch! Eure Partnerschaft! Und für richtig guten Sex! ♥

 

 

Sex: Nicht können? Oder (so) nicht wollen?

Petra Steiner

Ist Expertin für beflügelte Sexualität. Sie vermittelt in ihren Beratungen den Zugang zu freier, lockerer und luftig gelebter Sexualität. Mit der von ihr entwickelten Methode: 6+1 „In 7 Schritten zu beflügelter, geglückter, verschwitzter Sexualität“, begleitet sie Frauen und Paare auf ihrem Weg in ein erfülltes, glückliches Sexualleben.

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