Was genau hat guter Sex mit Pizza zu tun? Wieso können Pornos auch für Erwachsene ein schlechter Ratgeber sein? Und wie hängt das alles mit sexueller Unlust in der Partnerschaft zusammen? Ich habe größte Lust, heute ein paar Gedanken dazu mit euch zu teilen – für Frauen und Männer gleichermaßen interessant. Denn diese Gedanken könnten eure Gedanken, über die gemeinsame Sexualität, grundlegende verändern! Aber Achtung: Wir gehen diesmal wirklich in´s Detail.

 

Guter Sex – ist wie Pizza!

Ich bin über einen spannenden Artikel von liebenslust – Zentrum für Sexuelle Bildung gestolpert. Es geht darin um Pornografie. Wie sich Pornografie auf Sexualität, Selbstbild und Körperbewusstsein von Jugendlichen auswirkt. Und gibt interessante Impulse, wie wir proaktiv mit einwirken können, damit sich „unsere“ Jugendlichen ein gesundes Bild von Sexualität verschaffen können. Wirklich lesenswert!

Aber wieso genau nehme ich – als Sexualberaterin für Erwachsene – nun dieses Thema auf? Weil ich in meiner Praxis häufig mit den „versteckten Auswirkungen“ von Pornografie und deren Vorbildwirkung zu tun habe. Öfter, als man denken sollte.

Und dabei spreche ich von Menschen wie Du und Ich, von Frauen und Männern, von Erwachsenen 40+, die heute mit ihrer partnerschaftlichen Sexualität unzufrieden sind!

Ein durchaus häufiger Ursprung dieser Unzufriedenheit: Das Paar lebt – vielleicht schon von den ersten sexuellen Erfahrungen an – eine „pornografisierte Sexualität“. Die immer einem ähnlichen Ablauf-Muster folgt. Die jedoch auf Dauer null, nada, wenig Spaß mehr macht. Was sich zumeist erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt zeigt.

 

Wovon genau spreche ich?

Mit „pornografisierte Sexualität“ meine ich, dass der Fokus der partnerschaftlichen Sexualität einem sehr leistungsorientierten Ablauf-Muster folgt (ähnlich einem Porno). Achtung, jetzt wird´s plakativ: Kurzes bis fast gar kein Vorspiel, eindringen, schneller, weiter, höher, stoßen, stoßen, stoßen, einem angelernten Stellungs-Muster folgend, stöhnen, egal wohin ejakulieren, ER übernimmt die „Arbeit“, SIE zeigt sich leidenschaftlich, ER kommt und SIE… ist oft schon in der Mitte des Aktes emotional ausgestiegen und schreibt gedanklich die To-Do-Liste für morgen. (und ganz ehrlich, den Pornodarstellerinnen sieht man „ihren Ausstieg aus dem Geschehen“ doch meist deutlich an)

Der Mann gefällt sich in der Rolle:

ER ist der Eroberer, der Leistungserbringer, ER übernimmt die Initiative, zeigt körperliche Ausdauer (und das wirklich in jeder Hinsicht), fühlt sich in seiner Männlichkeit absolut bestätigt und „arbeitet sich“ bis zum Orgasmus vor – denn dieses Ziel soll in jedem Fall erreicht werden.

Die Frau gefällt sich in der Rolle:

SIE ist die Begehrenswerte, SIE fühlt sich in ihrer Weiblichkeit bestärkt, weil er ihr während des Aktes das Gefühl vermittelt, dass sie die sexiest woman alive ist, bei der er sich keine Sekunde länger zurück halten kann. SIE ist auf ihn fokussiert, erfüllt seine Wünsche, ohne sich so bedeutsam in das sexuelle Geschehen einzubringen, um dabei auch auf ihre eigenen Kosten zu kommen. Die Dunkelziffer der vorgetäuschten Orgasmen kann als relativ hoch eingestuft werden.

Wir sprechen von einer männlich orientierten Sexualität, die auf einem stark reize-fokussierten Erregungs-Muster beruht. Druck, Reibung, Geschwindigkeit sowie Optik spielen eine bedeutsame Rolle. Und einem hohen Leistungs-Gedanken… ähnlich wie im Sport: „Hol alles aus dir heraus! Du musst es schaffen! Das Ziel erreichen, ist die einzige Option!“. Und dieses angelernte Verhaltens-Muster wiederholt sich und wiederholt sich und wiederholt sich…

Eines ist klar: Diese Form der Sexualität hat sich bei dem Paar über lange Zeit bewährt. Und sie gibt beiden definitiv etwas!
Nur stellt sich die Frage: Lässt sie uns über die Zeit noch Spielraum zur Weiterentwicklung?
Und: Wie lange halten wir diesem Leistungs-Druck noch stand? Ist das guter Sex?

 

Zurück zu Pornos

Pornografie wirkt nach, prägt sich ein, zieht tiefe Bahnen im Gehirn, weil wir gerade in der Pubertät so unfassbar neugierig, fast unstillbar neugierig auf Sex sind. Und jeder weiß: Wenn wir „on fire“ für etwas sind, dann saugen wir die Informationen nur so in uns auf. Und holen uns Vorbilder, wo wir sie bekommen können.

  • Wenn wir nun keine anderen Informationen erhalten…
  • Von keinen realen Vorbildern lernen können…
  • Uns nicht austauschen, nachfragen und hinterfragen können (als Jugendliche z.B. kein Gegenüber zum Austausch haben, als Erwachsene z.B. sich nicht darüber sprechen trauen…)…
  • Wenn wir in späteren Jahren nicht das Glück hatten, auf einen Sexualpartner zu treffen, mit dem man die tieferen Geheimnisse von Lust, Erotik, Intimität und Verlangen entdecken konnte…
  • Wir also bei unserem leistungsorientierten Ablauf-Muster bleiben, weil unser „Porno-Sex“ (bis zu einem gewissen Grad) ja eh geil ist…

…dann wirken diese Bilder, Rollenverteilungen und (wohlweislichen) Erwartungshaltungen, die wir in der Pornografie aufsaugen, nach. Und wirken damit in ganz viele bestehende, beständige Beziehungen ein.

 

Guter Sex kann stärken, nähren und Impulse setzen

Dass diese Form der Sexualität nach einiger Zeit an sexueller Kraft verliert (verlieren kann), ist trotzdem leider oft eine normale Schlussfolgerung. Denn sie stärkt nicht, nährt nicht, gibt keine Impulse. Sie lässt das Blut nicht wallen. Bringt selten eine Frau zum (wahren) stöhnen und sie erfüllt in Summe auch keinen Mann, der an seiner Partnerin (noch) echtes Interesse hat…

Je länger die Beziehung andauert bzw. je älter man wird, desto schwerer wird es, das Feuer aufrecht zu erhalten. Die Erregung, die Erektion, die Feuchtigkeit werden weniger. Der Einsatz von Muskelkraft und Körperspannung (die in dem Fall der Mann deutlichst erbringen muss) fällt schwerer. Die Bereitschaft der Partnerin sich überhaupt einzulassen nimmt ab. Mehr Druck, mehr Geschwindigkeit ist nicht mehr herausholbar… was bleibt: Es macht einfach keinen Spaß mehr!

Und sobald es für beide zur Anstrengung mutiert und auf gegenseitige Unbefriedigtheit hinausläuft, lässt man es vielleicht lieber ganz bleiben.

Über bleiben: Zwei Menschen, die sich zwar liebend verbunden fühlen, aber schwer unglücklich mit ihrer fehlenden Sexualität sind – fehlend, weil es SO nicht mehr passt!

 

Guter Sex – ist wie Pizza!

Doch wie manövrieren wir uns nun aus dieser Sackgasse heraus? Ist man mit 40+ nicht vielleicht zu alt dafür, um sich gegen ein altes Verhaltens-Muster zu stellen und etwas ganz Neues anzugehen? Dazu ein ganz deutliches und groß geschriebenes: NEIN!!!

Einen wundervollen Gedanken-Impuls hat der amerikanische Sexualpädagoge Al Vernacchio eingebracht (feines Video dazu ebenfalls im Artikel von liebenslust).

Er empfiehlt, Sexualität nicht mehr länger mit Sport zu vergleichen… denn dabei geht es immer ums Ziele erreichen, ans Ziel zu kommen, zu gewinnen. Und wir sind doch schon in so unendlichen vielen Lebensbereichen unwahrscheinlich leistungsorientiert… darauf dürfen wir beim Sex sehr gerne verzichten!

Viele anregender ist sein Alternativ-Gedanke:
Sex mit Pizza zu vergleichen und sich die vielseitigen, warmen, weichen, Gaumenfreuden auf der Zunge zergehen zu lassen!

Motivation voraus!

Wer etwas an seiner bisher gelebten Sexualität ändern möchte, sich öffnet und es zulässt umzudenken, ist den ersten Schritt bereits gegangen! Und das hat nichts mit dem Alter und der Vorerfahrung zu tun.

Ja, klar, es ist Neuland, aber die meisten verreisen doch gerne auf andere Kontinente – wieso also nicht den neuen, lustvollen Kontinent der gelungenen Sexualität erkunden?

 

Guter Sex führt: Weg von – hin zu!

Alle, die nun Lust bekommen haben, können ein Experiment wagen:

WEG VON: Unserem gelernten Ablauf-Muster, gleichen Stellungen, gleichen rhythmisch-stoßenden Steigerungsstufen, der Haltung: ER ist der Gebende, SIE ist die Nehmende und dem ultimativen Orgasmus-Ziel.

HIN ZU: Sinnlichkeit, Nähe, Zärtlichkeit, Austausch, Erotik, dem Spielerischen am Liebesspiel. Und das kann bedeuten: reden, tuscheln, flüstern, küssen, streicheln, reiben, gleiten, eindringen, ineinander verweilen,  hinaus gleiten, getrennt bleiben, verführen, massieren, verwöhnen, verwöhnen lassen, Rhythmus halten, Rhythmus unterbrechen, schwitzen, pulsieren, atmen, stöhnen, schreien, locker lassen, spielen, einmal DIE eine, einmal DER andere…. die Wogen von erhebender, glückversprechender, erfüllender Sexualität in uns aufnehmen.

Und um dem Leistungsdruck tatsächlich ein ganz klares Schnippchen zu schlagen, eine Anregung, die im ersten Moment vielleicht auf Ablehnung stößt: Wenn es für euch gerade am aller schönsten ist – könnt ihr einfach aufhören!
Denn: Sexualität bedeutet nicht, dass ihr leistungsorientiert auf den Höhepunkt zusteuern MÜSST. Nein, ihr könnt die Spannung auch behalten, könnt erregt, aber erschöpft einschlafen. Ihr könnt diese Erregung in den nächsten Tag mitnehmen und damit Bäume ausreißen. Und ihr könnt am nächsten Tag die Wiedervereinigung so richtig zelebrieren…. wenn ihr dem Spiel „dann schon eine Ende“ setzen wollt, könnt ihr nun immer noch den Höhepunkt ansteuern!

 

Lass dir Pizza und Sex schmecken – genau so, wie du es heute gerne haben möchtest

Guter Sex! Da ist so vieles möglich! Das einzige, was wir dafür tun „müssen“, ist, dass wir uns neuen Spielregeln stellen! Und dabei ist der Vergleich zwischen Sexualität und Pizza einfach grenzgenial! Denn:

  • Ich will nicht jeden Tag Pizza – nur wenn ich richtig Gusto darauf habe.
  • Dafür möchte ich, wenn ich Pizza möchte, immer einen anderen Belag, denn meine Ge-Lüste sind eben unterschiedlich.
  • Das Bestell-Service ist sehr wichtig – damit der andere auch weiß, worauf ich Lust habe.
  • Nun kann ich kosten, genießen, es mir so richtig schmecken lassen.
  • Und, so gut die Pizza auch sein mag, manchmal ist sie noch nicht aufgegessen, aber ich kann oder will nicht mehr. Bis hierher habe ich es unwahrscheinlich genossen, aber jetzt bin ich satt. Ihr seid am schönsten, gemeinsamen Punkt für heute angekommen. Und darüber hinaus MUSS einfach überhaupt nichts mehr passieren!
  • Übrigens: Dazwischen darf´s – auf Wunsch – natürlich auch wieder „Porno-Sex“ sein… denn, wie bei Pizza, folgt man seinem Gusto!

Egal ob ihr frisch beisammen, jung geblieben, dauerhaft verbunden oder alt eingesessen seid… wer seine Sexualität wie eine kulinarische Leckerei genießt, hat Potential auf viel und noch viel mehr! Genießen heißt die Devise! Sich, den anderen, das gemeinsame Tun!

Ich wünsche euch unwahrscheinlich viel Vergnügen – beim Experimentieren, Gustieren und es euch so richtig schmecken lassen! 

 

Vielen Dank, für die kollegiale Unterstützung, an liebenslust – Zentrum für Sexuelle Bildung und die Autorin Katja Grach. Mehr liebevoll recherchierte und Input gebende Artikel zur sexuellen Bildung findet ihr auf: www.liebenslust.at und www.krachbumm.com
(Bildrechte Pizza-Sujet liegen bei: liebenslust – Zentrum für Sexuelle Bildung) 

 

 

Guter Sex – ist wie Pizza!

Petra Steiner

Ist Expertin für beflügelte Sexualität. Sie vermittelt in ihren Beratungen den Zugang zu freier, lockerer und luftig gelebter Sexualität. Mit der von ihr entwickelten Methode: 6+1 „In 7 Schritten zu beflügelter, geglückter, verschwitzter Sexualität“, begleitet sie Frauen und Paare auf ihrem Weg in ein erfülltes, glückliches Sexualleben.

2 thoughts on “Guter Sex – ist wie Pizza!

  • 14. Juni 2017 um 12:49
    Permalink

    Danke für diesen Artikel, du sprichst mir aus der Seele. Leistungs- und Zielorientierung in der Sexualität wird immer unbefriedigend sein. Es geht um die Qualität der Zeit die man da miteinander verbringt, in Liebe und voller Präsenz, sich dem Partner auf allen Ebenen öffnet, mit dem Herzen dabei ist und das göttliche im Anderen zu erkennen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.